Ziel dieses kurzen Überblicks ist es, dem Benutzer eine allgemeine Einführung in die Welt der Netsuke zu vermitteln. Diese Einführung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit sondern soll das Interesse wecken sich selbst intensiver mit dem Thema Netsuke zu beschäftigen.
Die traditionelle Kleidung der Japaner ist der Kimono, der mit einem obi umgürtet getragen wird. Er erlaubt es nicht, außer in den Ärmeln irgendwo anders Gegenstände plazieren zu können. Somit stellte sich sehr bald heraus, daß es einen anderen Weg geben mußte, wie man kleinere Gegenstände die man bei sich tragen wollte an der taschenlosen Kleidung befestigen konnte. Man begann also, diese Gegenstände in den obi zu stecken, so wie es bei den Samurai üblich war, die dort ihre beiden Schwerter trugen. Nun trat aber die Gefahr auf, diese Gegenstände zu verlieren, da sie durch den obi rutschen konnten.
Es kam zur Entwicklung der Netsuke, die die Aufgabe hatten, die sagemono (»hängende Gegenstände«) mittels einer Kordel und eines Kordelstraffers (ojime) am Gürtel zu befestigen. Das Wort Netsuke setzt sich aus »Wurzel, Wurzelholz« (ne) und »hängen, anhängen« (tsuke) zusammen. Das zeigt, daß die ersten Netsuke aus Holz gefertigt sein mußten. Die Gegenstände, die unter Zuhilfenahme der Netsuke getragen wurden reichten von Geldbeuteln bis hin zu den inrô, den Medizindosen. Sogar die Netsuke selbst konnten eine weitere bestimmte Funktion haben, auf die ich später noch genauer zu sprechen kommen werde.
Die Gelehrtenwelt streitet sich, ob die Netsuke nicht vielleicht doch chinesischen Ursprungs sind und, wie viele andere Dinge auch, nach Japan importiert wurden. Ohne Zweifel ist, daß nicht japanische kleine Gegenstände zu Netsuke umfunktioniert wurden, in dem man himotôshi (Kordellöcher) in sie hinein bohrte, wodurch man dann die Kordel zur Befestigung ziehen konnte.
Unanfechtbar ist aber, daß der extensive Gebrauch der Netsuke sich autochton auf Japan beschränkt und sie nur hier in diesem Maße getragen und produziert wurden:
»The Netsukes are an invention of the Japanese and their production is limited to Japan. Neither the East-Asian people like the Manchurian, the Chinese and Koreans, nor the neighboring Asians of Annam, Tongking, Burmah, Thibet, nor the Malayans, Micronesians and Polynesians have any object akin to Netsukes, although they too fasten certain objects to their girdle.«
Das exakte Aufkommen der Netsuke kann nicht mit Gewißheit bestimmt werden. Man kann nur einen ungefähren Zeitraum annehmen, der nach der Einführung des Kimonos und des obis als traditionelle Kleidungsstücke liegen muß. Es gibt keine frühen schriftlichen Zeugnisse abgesehen von Bildern und Drucken (ukiyo-e), auf denen Schauspieler, Samurai usw. abgebildet sind, die sagemonos oder inrôs mit Netsuke tragen.
Wahrscheinlich liegt die Entstehung im 15. Jahrhundert. Es wird wohl zuerst die manjû Form gegeben haben und erst später kam es dann zu den katabori Formen. Brockhaus führt auf, daß es eine Theorie gibt, nach der die Netsuke eine Weiterentwicklung der manjû und diese der ojime sind, doch dem kann er selbst nicht ganz zustimmen. Er schreibt auch, daß: »Since the beginning of the 16th century, the Netsuke has been the indespensable signet of the Japanese.«
Um das Jahr 1570 herum wurde der Tabak in Japan eingeführt und es kam zur ersten Blütezeit der Netsuke. Nun erweiterte sich nämlich die Einsatzmöglichkeiten der Netsuke hin zur Befestigung von Tabakbeuteln, Pfeifen etc. (siehe Kapitel III Verwendung). Die Kultivierung des Tabaks in Japan begann im Jahre 1605 und verstärkte die Gewohnheit des Rauchens. Dies hatte zur Folge, daß die Nachfrage nach Netsuke immer mehr stieg, insbesondere bei den Kaufleuten für die, weil es ihnen per Edikt untersagt war Schwerter zu tragen, der Tabakbeutel zum Statussymbol wurde. Die Samurai trugen niemals Tabaksbeutel bei sich.
Die weitere Verbreitung der Netsuke kam durch die sozialen Veränderungen im 16. und 17. Jahrhundert und den Ausbau der Klassengesellschaft. Mit der langen Friedensphase und der Abgeschlossenheit der Tokugawa-Zeit kam es zum Aufblühen der Handwerkskunst, vor allem in den Bereichen Schwertzierate, inrô und Netsuke. Bei den Samurai gewannen inrô und Netsuke stetig an Bedeutung, da in der Gesellschaft auf prunkvolle und schmuckreiche Erscheinung mehr und mehr Wert gelegt wurde.
Viele fein gearbeitete Netsuke entstanden um die 1750er Jahre. Frühe Werke von Anfang des 18. Jahrhunderts sind gewöhnlich groß, und von einzigartigem Design. Sie sind vielmehr ein Ausdruck der Persönlichkeit des Schnitzers und der geographischen Besonderheiten. Netsuke die in Osaka hergestellt wurden, spiegelten die Vitalität einer blühenden wachsenden Stadt wieder, wogegen man bei denen aus Kyôto die Würde der alten Kaiserstadt wiederfinden konnte.
Das erste schriftliche Zeugnis ist das 1781 erschienene Werk von Inaba Tsûryû (Shineimon), das Sôken Kishô (»A Treasury of Sword Fittings and Rare Accessories«, »Die Bewertung der Schnitzkunst«). Es beschrieb den Künstler, seinen Werdegang und seine Arbeiten. Aber es wurde unterlassen, auf die wohl erste Schule der Netsuke-Schnitzer aus Südhonshu, Provinz Iwami, einzugehen.
»By the mid-eighteenth century virtually every Japanese male carried one or more sagemono requiring netsuke.« Es etablierten sich nun mehr und mehr die Netsuke-Schnitzer aus den Reihen der Masken-Schnitzer heraus. Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts formten sich sogar richtige Netsuke Schulen und die Künstler signierten auch vermehrt ihre Werke. Neue Methoden kamen zur Verwendung, um bestimmte Effekte hervorzurufen, wie Färbemittel und Einlegearbeiten.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die Schulen weiter und die Schüler übernahmen und kopierten die Techniken ihrer Meister. Ab und zu veröffentlichten die Meister Anleitungsbücher für ihre begabteren Schüler. Somit kam immer mehr eine Regelmäßigkeit in die Kunst und sie verlor etwas von ihrer ursprünglichen Kreativität. Um ihre Werke von denen anderer Künstler unterscheiden zu können, entwickelten die Künstler immer ausgefeiltere Techniken und die Netsuke wurden komplizierter und feiner und in ihrer Darstellung immer realistischer. Diese Zeit ist die zweite Blütezeit der Netsuke Kunst und dauerte vom frühen 19. Jahrhundert bis 1868.
Im Jahre 1854 gab es ein verheerendes Erdbeben, das ganz Edo verwüstete. Da nun so gut wie alles zerstört war, stieg die Nachfrage nach Netsuke demgemäß stark an. Die Netsuke-shi widmeten sich zuerst vermehrt der Herstellung der manjû, da diese weniger Zeit beanspruchten und man somit dem erhöhten Bedarf an Netsuke schneller nachkommen konnte.
Mit dem Eindringen des Westens nach Japan haben die Netsuke ihre Bedeutung verloren. Zigaretten haben den Platz der traditionellen kleinen Tabakpfeifen eingenommen. Man trägt den Kimono weitgehend nur noch zu Hause und bevorzugt westliche Kleidung im Berufsleben, und somit gibt es keinen Bedarf mehr an Netsuke und sagemono.
Das Interesse von europäischen Sammlern führte zu einer Wiedergeburt der Netsuke-Kunst. Noetzel schreibt einen bezeichnenden Satz über die Kunstgattung Netsuke:
»Ein Kenner und Sammler japanischer Kunst behauptete vor Jahren: ›Die Japaner erfanden die Netsuke - aber erst die Europäer entdeckten sie!‹«
Die Netsuke wurden nun in großen Stückzahlen produziert, sowohl als Souvenirs als auch als Kunstobjekte. Die größte Anzahl der noch erhaltenen Werke stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, als so viel für die Ausländer produziert wurde. Von 1870 - 1890 bildeten sich große Kollektionen in Europa, für die auch neue Netsuke hergestellt wurden. Leider sind aber die Werke nach der Meiji-Restauration nichts anderes als Imitationen der alten Stücke.
Die Materialien aus denen die Netsuke geschaffen wurden, kann man in sechs Gruppen unterteilen: Holz, Elfenbein und Horn, Metall, yakimono (Porzellan- und Tonware), Lack und andere, seltener vorkommende Materialien.
Wie das Wort Netsuke bereits sagt, war das Material, aus dem die ersten Netsuke geformt wurden, Holz. Das am weitesten verbreitete Holz ist das tsuge, das gelbliche mit der Zeit braun werdende Buchsbaumholz. Es war für die Schnitzkunst besonders geeignet wegen seines dichten und feinen Korns und der Annehmlichkeit für den Tastsinn (im Westen als »Handschmeichler« bekannt). Dank der Härte kann man es sehr fein ausarbeiten und es nutzt sich auch nicht so schnell ab. Das beste tsuge stammt aus der Provinz Ise. Laut Yuzuru Okada nimmt das Zypressenholz (hinoki) aber die erste Position ein, aufgrund des »noble aro[m]a and immaculate texture«. Das weiche, aber leicht abnutzbare und somit für Netsuke nicht unbedingt gut geeignete helle und wohlriechende Holz, wurde auch zum Bau der Shintô-Schreine verwendet. Der erste namentlich bekannte große Netsuke-shi Yoshimura Shûzan benutzte fast ausschließlich hinoki.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts benutzte Miwa zum erstenmal das braun-rötliche Kirschholz (sakura). Daneben verwendete er Ebenholz (kokutan) aus Indien, das schwer und dicht ist und somit feinste Reliefs erlaubt. Desweiteren arbeitete er auch mit dem harten und schwarzen Pflaumenholz (isu).
Weitere Hölzer die für Netsuke verwendet wurden, aber nicht so weit verbreitet sind wie die oben erwähnten sind: das leichte aus China eingeführte Sandelholz (shitan oder byokutan) das oft schwarz gefärbt wurde, Eichenholz (kashinoki), Kiriholz (kiri), das gelblich-rote Dattelpflaumenholz (kaki), das rötliche Eibenholz (ichii), spanisches Rohr (tô) und seltener Teeholz (cha), Kampferholz (kusunoki), Kamelienholz (tsubaki), Jujube-Holz und Bambusholz (take) [s. Abb. 40].
Ebenfalls wurden die Kerne von Pfirsichen und Aprikosen und auch Walnußkerne (kurumi) benutzt. Letztere sind sehr hart und dementsprechend schwierig zu bearbeiten.
Das am zweithäufigsten vorkommende Material ist das erst im 17. Jahrhundert von den Holländern nach Japan eingeführte Elfenbein (zoge), das wegen seiner Kostbarkeit sehr sparsam verwendet wurde. Da es durch das Tragen am Gürtel dem Licht ausgesetzt wird, verfärbt es sich und wird immer heller.
»Before the 17th century, fossil ivory from the Siberian mammoths was used. This is especially dense and heavy and assumes an even, soft, light brown tone.«
Desweiteren wurden Walroß-, Pottwal-, Flußpferd- und Eberzähne verwendet, daneben auch das Horn des Narwals, dem man ähnlich dem europäischen Einhorn, magische Kräfte zuschrieb. Hirschhorn konnte sehr gut als Ersatz für Elfenbein verwendet werden, da dieses nicht in Japan vorkam und teuer importiert werden mußte. Die anderen verwendeten Hörner sind die des Stiers, der Antilope und des Rhinozerosses (man schrieb ihm eine aphrodisierende Wirkung zu). Der berühmteste Hornschnitzer ist Kokusai.
Sowohl reine Metalle als auch Metallgemische wurden für Netsuke verwendet. Hergestellt wurden diese dann von Künstlern, die hauptberuflich Schwertzierate wie tsuba, u.ä. herstellten. Katabori Netsuke aus Metall kommen seltener vor, die traditionellen Metall-Netsuke sind die kagamibuta.
Folgende Metalle wurden ausschließlich oder nur zur Verzierung verwendet: Eisen (tetsu), Kupfer (akagane), Silber (gin), Gold (kin) und folgende Metallmischungen: shibuichi (ungefähr drei Teile Kupfer zu einem Teil Silber), shakudo (Kupfer mit einer Goldbeimischung) und sentoku (Bronze). Netsuke aus shibuichi kommen unter den Metall-Netsuke am meisten vor.
Der Begriff yakimono setzt sich aus den Wörtern yaku (brennen) und mono(Dinge) zusammen. Nach Noetzel ist die Mißachtung der yakimono als Netsuke bzw. als eigene Kunstgattung sehr bedauerlich, weil man somit »eine von Meistertöpfern geschaffene, völlig selbstständige Kunstgattung im Hintergrund der Welt der Netsuke untergehen läßt.« Die Töpfer, die die yakimono herstellten sind »überhaupt nicht mit den Schnitzern oder gar Berufsschnitzern von Netsuke gleichzusetzen oder zu vergleichen.«
Während des 18. Jahrhunderts zählten sie zu den größten Kostbarkeiten des japanischen Establishments, das sich ganz der Extravaganz und dem Luxus hingab
Die Existenz von Netsuke aus Porzellan oder Steinzeug ist nicht vor der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert gesichert. Irgendwann in der Genroku-Periode (1688 - 1704) wurden die ersten yakimono hergestellt. Selbst von solch berühmten Töpfern wie Dôhachi, Eiraku [s. Abb. 12] und Mokubei ist bekannt, daß sie Porzellan-Netsuke herstelltten.
Man unterscheidet vier verschiedene Varianten der yakimono:
von einzelnen Künstlern individuell hergestellte yakimono,
von kleineren Töpfermanufakturen meist individuell hergestellte yakimono,
Netsuke für Pilger, die an den Wallfahrstorten in nahezu Serienproduktion hergestellt wurden,
Imari-, bzw. Arita-Ware die nach dem Erdbeben in beinahe industrieller Produktion hergestellt wurden.
Die Lack-Netsuke wurden hauptsächlich von Lackkünstlern hergestellt und nicht von Netsuke-shi. Sie wurden meistens zusammen mit dem dazu passenden inrô geschnitzt. Brockhaus schreibt folgendes über die Herstellung der Lack-Netsuke:
»Sixty layers of fine varnish (from Rhus vernix) are put on a surface of hard polished wood, iron, ivory, porcelain, even mother of pearl, tortoise shell, or egg shell. Each layer is dried in an oven for from twelve to twenty-four hours, hardened and then polished with pulverized charcoal of Magnolia or Lagerstroemia. This process, on account of the continuous drying and polishing, requires weeks, months and even years to complete the work.«
Man verwendete verschiedene Techniken, durch die man die Lack-Netsuke unterscheiden kann: makie (Verzierungen mit aufgesprenkeltem Gold), tsuishu (geschnitzer roter Lack) [s. Abb. 13], kanshitsu (auf der Form aufgeklebter Hanf, der mit festen Lackschichten bedeckt wird), negoro-nuri (Holzschnitzereien, die zuerst mit schwarzen und dann mit zinoberroten Lackschichten bedeckt werden, wobei später die zinoberrote zwecks Farbeffekt abgerieben wird), togidashi (polierte Flächen), hira-makie (flaches Relief), taka-makie (hohes Relief), yama-makie (schwarz auf schwarz Lack), fundame (stumpfer Goldlack), kinji (heller Goldüberzug), mokume (Holzmaserung Lack), sabiji (Lack der aussieht als sei es Metall), aogai (Einlage von schillernden Schalen), nashiji (bestreutes Goldmuster), guri (verschieden farbige Lackschichten werden aufeinander gelegt und beschnitten), u.a.
Es gibt Netsuke, die aus selteneren Materialien geschaffen wurden. Dazu gehören: Korallen, Bergkristall, Quarzstein, Bernstein, Seifenstein, Achat, Perlmutt, Malachit, getrocknete Pilze (rei-shi), Leder, Glas, Stein, Pferdeknochen, Schildpatt, etc.
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